Ostern in Russland

Russische Ostertraditionen

In Russland begeht man Ostern überwiegend nach dem orthodoxen Ritus. Deswegen sind manche Osterbräuche etwas anders. Auch wird das Osterfest in Russland meist an anderen Tagen gefeiert als dies Katholiken und Protestanten tun. Der Grund ist einfach: die russisch-orthodoxe Kirche begeht das Osterfest nach dem julianischen Kalender und nicht nach dem gregorianischen Kalender. Nur ganz selten fällt das Osterfest der orthodoxen Kirche mit dem der römisch-katholischen Kirche zusammen. In Russland ist Ostern das wichtigste Kirchenfest des Kirchenjahres. Es rangiert in der Bedeutung weit vor Weihnachten.

 

Großer Frühjahrsputz und viele Ostervorbereitungen in der Karwoche

Zunächst fängt in der Woche vor Ostern, der sogenannten Karwoche, in den russischen Haushalten der große Frühjahrsputz an. Bereits am Montag herrscht rege Betriebsamkeit. Es gilt, bis zum Gründonnerstag, der vielfach auch als „sauberer Donnerstag“ bezeichnet wird, das komplette Haus vom Wintermuff befreit zu haben. Das heißt nicht nur die Böden schrubben, sondern auch Fenster und Türen zu putzen. Doch der Sauberkeitsfimmel hört beim Haus nicht auf. Auch die Bewohner müssen sich reinigen – entweder man geht in die Banja, die Sauna, oder nimmt ein Bad.

Die Betriebsamkeit am Donnerstag setzt sich den ganzen Tag fort, denn es müssen auch noch das Eier-Färben und das Osterbrot-Backen bewerkstelligt werden. Das Ostergebäck ist mit den Buchstaben XB verziert. Die Abkürzung steht für „Christus woskres“ und bedeutet soviel wie „Christus ist auferstanden“. Auch aus Osterkarten findet sich diese Formulierung wieder. Das bei uns übliche „Frohe Ostern“ wird man in Russland eher vergeblich suchen.

Üblicherweise werden einige Ostergerichte bereits am Gründonnerstag vorgekocht. Das stellt den Koch bzw. die Köchin vor Herausforderungen, denn die Fastenzeit ist noch nicht beendet. Deswegen ist das Abschmecken der Gerichte eigentlich nicht erlaubt. Dieses Manko machen die „Küchenchefs“ jedoch wett, indem sie mit ganz viel Mühe und Hingabe kochen.

 

Zu Ostern sind in Russland die Kirchen voll

In der russisch-orthodoxen Kirche ist der Karfreitag der strengste Feiertag in der Karwoche. Gläubige verbringen den Tag in Trauer, besuchen die Kirche und gehen nicht arbeiten.

Am Karsamstag steht wieder ein Kirchengang an. Diesmal nimmt man in Russland die Osterbrote und Ostereier mit in die Kirche, wo sie vom Priester geweiht werden. Am Abend versammeln sich den Menschen in der Kirche zur festlichen Messe. Gläubige und Atheisten, Kinder und Erwachsene – jeder ist willkommen. Der Brauch stammt aus alten Zeiten. Damals glaubten die Menschen, dass in der Nacht vor Ostern die Kreaturen des Teufels besonders böse und umtriebig seien. Nach Sonnenuntergang wagten sich die Menschen nicht mehr auf die Straße. Hinter jeder Katze vermuteten sie eine Hexe und in jedem Hund sahen sie den Teufel. Nur die Kirche bot dann einen sicheren Zufluchtsort.

 

Traditionelle Osterspeisen: Kulitsch und Paskha dürfen nicht fehlen

Das Speiseverbot der Fastenzeit wird jedoch erst mit der Ostermesse in der Nacht von Samstag auf Ostersonntag aufgehoben. Diese große heilige Messe ist übrigens nichts für Weicheier. Sie erfordert von den Gläubigen echtes Durchhaltevermögen, denn die Messe beginnt meist 23:30 Uhr und endet erst um 03:00 Uhr morgens. Erst ab da dürfen die Gläubigen wieder alles essen und das nutzen sie. In vielen Familien gibt es am Ostersonntag-Morgen ein gemeinsames, üppiges Frühstück an einer üppig dekorierten Festtafel. Hier dürfen gefärbte Eier, Blumen und Weidensträuße selbstverständlich nicht fehlen. Gereicht wird das Osterbrot „Kulitsch“, den Quarkkuchen „Paskha“ und Ostereier. Weiterhin stehen auf dem Tisch all jene Speisen, die während der 48 Tage dauernden Fastenzeit nicht erlaubt waren: Wurst, Schinken, Käse und Milch gehörten dazu. In früheren Zeiten war es üblich, dass in wohlsituierten Familien 48 Gerichte gereicht wurden – passend zur Anzahl der Fastentage.

Die Russen glauben, dass man das Festessen zu Ostern mit seinen Nächsten teilen sollte. Deswegen gehen die Menschen nach dem Frühstück raus und besuchen Freunde und Nachbarn. Es werden Eier und kleine Osterbrote ausgetauscht. Eine russische Volksweise besagt übrigens, dass das erste Ei, das mit ganzem Herzen geschenkt wurde, niemals schlecht wird.

 

An alle wird gedacht: An Freunde, Verwandte und sogar die Verstorbenen

An Ostern denkt man in Russland auch an die Verstorbenen. So ist es üblich, auf den Friedhof zu gehen und auf die dort ruhenden Familienangehörigen einen Toast zu sprechen und einen Wodka zu trinken. Auch lässt man den Toten ein paar Eier, etwas Brot und Bier da, denn sie sollen ebenso am Osterfest teilhaben. Dieser heidnische Brauch lebte in der Sowjetzeit wieder auf, denn damals waren Religion, das Opium fürs Volk, verboten. Die Menschen konnten nicht in die Kirchen gehen, jedoch war der Besuch der Friedhöfe möglich. Die russisch-orthodoxe Kirche unterscheidet zwischen frohen Feiertagen und Trauertagen. Das Osterfest gilt als fröhliches Fest. Die Trauer um die Verstorbenen soll die Feierlichkeiten nicht überschatten. Daher ist der Besuch der Friedhöfe am Dienstag nach Ostern vorgesehen – so will es die russisch-orthodoxe Tradition.

 

Russische Osterbräuche am Ostersonntag

In Russland wird der Ostersonntag auch der „Helle Sonntag“ oder der „erleuchtete“ Sonntag“ genannt. Das russische Wort für Sonntag stammt übrigens von dem Wort „Auferstehung“ ab und genau darum geht es Ostersonntag. Es wird die Auferstehung von Jesus Christus gefeiert. Meist ist mit schönem Wetter zu rechnen und die Sonne scheint. Dann sagt man in Russland „Die Sonne spielt“. Nach einem alten Brauch lässt man am Ostersonntag Vögel aus Käfigen frei.

Am Ostersonntag ist es den Männern und Burschen zu jeder Zeit erlaubt, die Glocken zu läuten. Land ein und Land ab erklingen die vielen Glocken. Der weithin hörbare Klang sorgt für eine ausgelassene und festliche Stimmung.

Ein Ostern ohne Schaukeln kann sich in Russland eigentlich niemand vorstellen. Jung und Alt  haben dabei ihren Spaß. Junge Burschen flirten mit jungen Mädchen. Ein beliebtes Osterspiel ist nicht etwa das Ostereier-Suchen. Das kennt man in Russland nicht. In Russland werden Eier an Ostern lediglich verschenkt und nicht versteckt. Nein, man trifft sich vielmehr zum Eier-Rollen. Als Ziel wird dabei verfolgt, die Eier des Gegners kaputt zu machen, ohne dass die eigenen Eier zerbrechen. Russische Bauern sind ganz froh, wenn das Spiel auf ihrem Grund und Boden ausgetragen wird, denn sie glauben fest daran, dass rollende Eier den Boden besonders fruchtbar machen und deswegen mit einer guten Ernte zu rechnen ist.

 

Dem Osterei werden in Russland magische Kräfte nachgesagt

Das gefärbte und verzierte Osterei ist weltweit ein Symbol für Ostern. Das ist auch in Russland nicht anders. Hier schreibt man sogar den Eiern, die in Kirchen geweiht wurden, magische Kräfte zu. Sie sollen gegen vielerlei Übel schützen: gegen die Ernte vernichtenden Hagel, gegen das Vieh heimsuchende Krankheiten und böse Geister vom Haus fernhalten. Wird ein solch geweihtes Osterei im Fundament eines Hauses eingebaut, so soll es dem Hausbesitzer Glück und Wohlstand bescheren. Frauen glauben außerdem fest daran, dass ein übers Gesicht gerolltes Osterei ein jüngeres Aussehen verleiht. Früher behielt man daher gefärbte und geweihte Ostereier als Glücksbringer das ganze Jahr über.

Da so ein Ei aber doch mal kaputt gehen kann und dann ganz schrecklich müffelt, kam man in Russland auf die schlaue Idee, aus Holz Ostereier zu schnitzen und zu bemalen. Der Zar allerdings leistete sich eine ganz besondere Rarität: Der Goldschmied und Hofjuwelier Peter Carl Fabergé schuf kostbare Ostereier aus Porzellan, die mit Gold und Edelsteinen verziert werden. Noch heute werden die Fabergé-Eier mit Stolz ausgestellt. Das erste Porzellanei verließ 1885 die Manufaktur. Danach etablierte sich der Brauch, dass jedes Jahr ein neues Fabergé-Ei für die Zarenfamilie hinzukam. Insgesamt schuf die Fabergé Werkstatt bis zur Abdankung der Romanows im Zuge der Oktoberrevolution 1918 rund 50 dieser Kunstwerke. Heute sind die Kostbarkeiten fast unbezahlbar und über die ganze Welt verteilt.

Die traditionelle  Ostereierfarbe in Russland ist rot. Die rote Farbe wird meist mit einem rote Beete-Sud bewerkstelligt. Das Rot soll an das Blut Christi erinnern. Heute jedoch gibt es auch andere Farben. Sehr oft werden die Ostereier einfach mit Zwiebelschale gefärbt und erhalten so ein Farbspiel von gelb bis hellbraun. Grüne Eier lassen sich mit Spinat bewerkstelligen. Auch alte Stoffreste oder bunte Wolle können um Eier gewickelt werden. Sie geben dann ihre Farbe an das Ei ab und tolle Muster entstehen. Mit etwas Speck oder einem Öllappen abgerieben, glänzen die Ostereier wunderbar.

Übrigens … das Wasser zum Eierfärben wird nach dem Färben nicht einfach weggeschüttet. Man glaubt nämlich, wenn man sich darin wäscht, dass man im nächsten Jahr mit Gesundheit und Schönheit belohnt wird.